Über Prognosen

Posted by Lukas On Juli 21, 2015 2 COMMENTS

Vermutlich werden die meisten von Euch hier reinschauen, weil eine zweite (oder dritte) Meinung zum Aktienmarkt gesucht wird. Vielleicht sogar eine erste. Ich finde man muss damit sehr vorsichtig sein. Ich habe es hier die letzten Monate immer öfter angesprochen, dass die Meinung, die man sich bildet – völlig unabhängig auf welcher Basis sie zu stande kam und wie das Ergebnis aussieht – für die Zukunft in aller Regel kontraproduktiv ist. Erst Recht wenn man sich eine Meinung über die Zukunft bildet. ;-)

Das Problem, mit dem man von da an konfrontiert ist nennt sich „Priming“, d.h. Voreingenommenheit.

Dinge, die von da an passieren, werden von unseren Hirnen nicht mehr rational verarbeitet. Warnsignale werden möglicherweise übersehen wenn man bullish ist, im umgekehrten Fall werden Kaufsignale missachtet. Das Ego kommt in Spiel als enorme Störgröße mit dazu. Grundsätzlich nimmt man dann Dinge, die nicht zur Meinung passen entweder gar nicht mehr wahr oder stellt sie in Frage oder missachtet sie gar bewusst, weil sie das Ego verletzen.

Marktprognosen im klassischen Sinne aufzustellen ist daher der erste Schritt zum schlechten Trading. Das gilt sowohl für den Handel von Aktien als auch von Märkten und wohlmöglich von allen anderen Dingen auch.

Sorry, dass ich Euch enttäuschen muss. Ich habe hier jahrelang nichts anderes gemacht als Marktprognosen aufzustellen. Unglücklicherweise waren einige davon auch noch sehr zutreffend, andere wieder nicht. Die zutreffenden bleiben natürlich hängen ;-) Und so bleibt natürlich auch das Gefühl hängen, dass man unbedingt Prognosen aufstellen muss um überhaupt erfolgreich sein zu können.

Es lohnt daher vielleicht den Begriff Prognose zu definieren, schließlich ist mit jeder Aktion, die wir vornehmen ja eine Grundlage der Entscheidung vorliegend und wir möchten – und ich behaupte auch mal wir MÜSSEN – die Gedanken, die wir bei den Entscheidungen, die wir am Aktienmarkt treffen, dokumentieren. Einfach als wichtige Vorraussetzung für eine spätere Fehleranalyse, ein lessons-learned.

Ich möchte den Begriff Prognose klar genug ein- bzw. abgrenzen. Sonst müsste ich ja den Blog hier dicht machen, wie gesagt.

Die „Prognosen“, die ich hier aufstelle und niederschreibe sind nichts anderes als die Dokumentation der Ursachen meiner Handelsentscheidungen. Meine Signale. Zu jeder „Prognose“ gehört von daher auch der Punkt ab wann sie falsch ist – idealer Weise gleichzusetzen mit dem Stop-Loss. Nicht nur das. Auch das eingesetzte Geld, das dann verloren ist, gehört zur Prognose. Darüber werde ich mich allerdings hier wie gewohnt nie äußern.

Meine Marktprognose ist die Beschreibung eines Handelsignals mit dem Vorteil einer unlimitierten Geweinnmöglichkeit sowie dem Vorteil einer limitierten Schadensauswirkung für den Fall dass es falsch ist.

Auch der Begriff „Trading“ war für mich vor einigen Jahren anders definiert. Mit einigen Tausend Euro Lehrgeld würde ich diesen gern wie folgt definieren:

Beim Trading geht es darum ein exakt definiertes und begrenztes Risiko auf eine Wette einzgehen, von der man zwar den Ausgang nicht kennt dafür aber die Eintrittswahrscheinlichkeit. Der Vorteil des Tradens ist dann gegeben wenn nur „die guten Karten“ gespielt werden und die Auswirkungen des Verlierens eng limitiert sind.

Streng genommen sollten diese 5 Dinge beachtet werden und zwar genau in dieser Reihenfolge:

1. Es braucht einen durchdachten, durchgespielten und VERINNERLICHTEN Plan für das Risiko, welches man eingehen will und mit den anderen Positionen bereits eingegangen ist. Ein Trade darf niemals negativ überraschen. Die Folgen müssen limitiert werden. Und zwar im Vorfeld. Bevor eine Position eingenommen werden kann, muss das Risiko errechnet worden sein.

2. Es braucht einen Plan B wenn sich die Idee für den Trade nicht entwickeln will. Flexibilität im Kopf ist notwendig, damit man sich selbst nicht im Weg steht wenn es darum geht Aktionen ggf. unter mentalen Stress durzuführen. Der Punkt, an dem man widerlegt wird muss 1. vorher bestimmt sein 2. darf nicht mehr in Frage gestellt werden und 3. muss von der finanziellen Tragweite her klar limitiert sein und zwar so exakt, dass der Zustand niemals überraschen kann.

3. Das Risiko, das sich aus der Anzahl aller aktuell im Depot befindlichen offenen Positionen ergibt muss jederzeit bekannt und limitiert sein, siehe 1.

4. Die Handelsrichtung ist in 9 von 10 Fällen long. Auch in Bärenmärkten.

5. Das Geld wird mit Trades in Trendrichtung (Trend = Moving Average) verdient. Trades zum Moving-Average müssen limitiert sein (Limit Exit am Moving Average), Trades über dem MA unlimitiert.

Man könnte auch folgendes daraus ableiten: Der Ruin des Depots hat in den seltensten Fällen eine falsche Einschätzung der Handelsidee zu grunde sondern immer eine fehlende Risikobegrenzung und eine daraus resultierende mentale Schockstarre.

Daher nochmal: Long-Möglichkeiten suchen. Risiken bestimmen. Entscheidung treffen, flexibel reagieren.

Gute Woche!

 

 

2 Responses so far.

  1. Stefan Böhm sagt:

    Die 9 Todsünden von Anlegern:

    1) Selbstüberschätzung
    2) Emotionales Handeln
    3) Rahmenbildung
    4) Harmoniesucht
    5) Herdentrieb
    6) Heimatverbundenheit
    7) Jagd nach kurzfristiger Rendite
    8) Faulheit
    9) Zorn/Das Nichteingestehen von Fehlern

  2. Lukas sagt:

    Hallo Stefan,
    sehr guter Beitrag! Vielen Dank! Würde ich gern noch erweitern:

    1. Sturheit: Verlierpositionen sich nicht eingestehen wollen.
    2. Größenwahn, Ergänzung zu 7. Führt zu zu großen Positionen, gerade nach einer Gewinnserie.
    3. Rechthaberei: Jagd nach Marktwendepunkten
    4. Trading der eigenen Prognosen (s.o.)
    5. Trading von fremden Prognosen, als Ergänzung von Punkt 8.: Faulheit

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